Sensationsjournalismus
Es ist Freitag, der 28. August 1835. Man setzt sich und liest in der New York Sun eine mysteriöse und durchaus erstaunliche Enthüllung: Eine Gruppe von Kreaturen – drei Gruppen mit zwölf, neun und fünfzehn Individuen – wurde dabei beobachtet, wie sie aufrecht auf ein kleines Wäldchen zugingen. Ihre Flügel seien verschwunden, und ihre aufrechte Haltung beim Gehen sei sowohl direkt als auch würdevoll gewesen.
Vielleicht denkt man, dies sei eine dramatische Sichtung seltener und geheimnisvoller Wesen in einem noch unerforschten, ja unbekannten Teil der Welt. Was auch immer diese Geschichte bedeuten mag – sie hat jedenfalls die Aufmerksamkeit geweckt, und man wird die morgige Ausgabe kaufen, um den fünften Teil der sechsteiligen Serie zu lesen. Und genau das ist der einzige Punkt, der für die Redakteure zählt. Willkommen in der Welt des sensationsheischenden Journalismus.
In diesem Text lernen wir die historischen Wurzeln des Sensationsjournalismus kennen – und wann aus der eher harmlosen Absicht, das Publikum zu täuschen, weitaus dunklere Motive werden können. Ebenso werden wir verstehen, unter welchen Bedingungen Sensationalismus wirksam ist und welche tiefgreifenden Auswirkungen er auf Standards und Praxis des Journalismus hatte.
Sensationsgeschichte vs. Sensationalismus
Nach der Lektüre dieses Abschnitts werden wir in der Lage sein, zwischen einer tatsächlich sensationellen Geschichte und einer bewusst aufgebauschten Geschichte zu unterscheiden. Es ist nichts Neues, dass Geschichtenerzähler der Versuchung zur Übertreibung erliegen oder dass verzweifelte Verleger sich auf ihre Gewinnmargen konzentrieren. Doch wenn ein journalistisches Unternehmen ausschließlich auf Profit ausgerichtet ist, dann – so McChesney – habe dies im Allgemeinen Sensationalismus, Korruption und Krisen für die Medien zur Folge.
Der Sommer 2014, so argumentieren manche, habe mehr sensationelle Geschichten hervorgebracht als jede andere zwei- bis dreimonatige Periode in der Geschichte des Journalismus. Man erinnere sich an Nachrichten über hochauflösende Videos von Enthauptungen, ein Passagierflugzeug, das möglicherweise irrtümlich abgeschossen wurde, einen außer Kontrolle geratenen Virus in Afrika, und ein weiteres Flugzeug, das trotz moderner Ortungstechnologie einfach verschwand.
Angesichts dieses außergewöhnlichen Nachrichtenspektrums sollte man die Unterscheidung zwischen „sensationell“ und „sensationalistisch“ beachten. Journalisten müssten sich nicht dafür entschuldigen, sensationelle Geschichten zu präsentieren oder gar zu genießen. Die stereotype Darstellung des ausbeuterischen Journalisten, der sein Opfer wie ein blutgieriger Hai umkreist, sei laut Downie zwar übertrieben, aber für viele Kritiker dennoch befriedigend. Dabei werde jedoch ein entscheidender Aspekt ignoriert: der tägliche Druck auf Journalisten, Inhalte zu liefern – und die Versuchungen, die dieser Druck mit sich bringt. Die meisten Journalisten wählen sensationelle Themen nicht aus Sensationslust, sondern weil sie so das tägliche „Füllen des Nachrichtenlochs“ erleichtern. Und manche Ereignisse seien von Natur aus eben tatsächlich sensationell.
Sensationalismus jedoch sei etwas anderes. Im Journalismus bedeute er das bewusste Opfer von Genauigkeit, Faktentreue und Fairness zugunsten von (1) der Erfindung einer Geschichte oder (2) der absichtlichen Übertreibung von Fakten. Sensationsmacherei sei laut Downie eher Marketing als Journalismus – mit tiefreichenden historischen Wurzeln und Motiven.
Die historische Entwicklung des Sensationalismus
Auch wenn dieses Konzept heute bröckele, müsse man sich daran erinnern, dass im frühen 20. Jahrhundert zunächst das Konzept der „Massenmedien“ selbst entstehen musste, damit Sensationalismus überhaupt funktionieren konnte. Eine wachsende Einwanderung lieferte das „Publikum“, während neue Kommunikationstechnologien eine breitere Verbreitung von Inhalten ermöglichten. Fortschritte in der Fotografie erlaubten es, Menschen auch ohne Worte zu erreichen – insbesondere jene, die kein Englisch sprachen. Die „Penny Press“ machte Zeitungen erschwinglich, und das Tabloid-Format entstand aus diesem dynamischen und zunehmend wettbewerbsorientierten Umfeld.
Das späte 19. Und frühe 20. Jahrhundert war laut Downie eine Zeit leichtsinnigen und verantwortungslosen Journalismus, wie der Zeitungskrieg zwischen Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst in New York zeigt. Beide Verleger bemühten sich mit aufsehenerregenden Schlagzeilen darum, sich gegenseitig Leser abzujagen. Dabei wurden laut Berichten nicht nur übertriebene, sondern auch frei erfundene Geschichten veröffentlicht – beispielsweise ein angeblicher Todesfall während des Spanisch-Amerikanischen Kriegs, dessen Name rückwärts gelesen sinngemäß „Wir stehlen die Nachrichten“ bedeutete. Die konkurrierende Zeitung übernahm die Geschichte am nächsten Tag und fügte sogar erfundene Orts- und Zeitangaben hinzu, um sie glaubwürdig erscheinen zu lassen.
Sensationsjournalismus sei, so Downie, ein simples Mittel zur Aufmerksamkeitserzeugung. Je unglaublicher oder absurder eine Schlagzeile, desto wirksamer sei sie im Sinne modernen „Clickbait“.
Die Motive hinter dem Sensationalismus
Zur besseren Verständlichkeit unterscheidet Downie zwei Hauptformen des Sensationalismus.
Die erste Art entsteht durch Journalisten selbst und kann relativ harmlos sein – etwa im Fall des „Mond-Schwindels“ von 1835 oder des berühmten Aprilscherzes der BBC von 1957 über eine außergewöhnliche Spaghetti-Ernte. Journalisten werden auch oft des Sensationalismus bezichtigt, wenn sie durch Bilder oder Videos die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten überschreiten. Die übermäßige Darstellung von Schockbildern bei Naturkatastrophen sei ein häufiges Beispiel. Ein Veteran des Roten Kreuzes stellte laut Downie die moralische Frage, mit welcher Begründung wiederholt Bilder hungernder Menschen oder Leichenberge gezeigt würden, ohne in die Tiefe der zugrunde liegenden Probleme einzutauchen.
Solche Kontroversen führten häufig zu Appellen an höhere Ideale wie das „Recht der Öffentlichkeit auf Information“. Kritiker vermuteten dahinter jedoch auch ökonomische Interessen.
Die zweite Art des Sensationalismus gehe nicht von Journalisten aus, sondern habe laut Downie gezielte, strategische Ziele – benötige aber dennoch Journalisten, um wirksam zu sein. Beispiele dafür seien die Geschichten über den Tod des NFL-Spielers Pat Tillman in Afghanistan und die angebliche dramatische Rettung der Soldatin Jessica Lynch im Irak. In beiden Fällen seien Heldenerzählungen verbreitet worden, die sich später als völlig falsch herausstellten. Tillman sei durch „friendly fire“ ums Leben gekommen, Lynch sei bereits zuvor durch irakische Krankenhausmitarbeiter gut versorgt worden. Laut Downie seien solche Geschichten das Ergebnis gezielter Propaganda und Teil eines umfassenden Systems zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung.
Sensationalismus und der Missbrauch von Glaubwürdigkeit
Sensationalismus könne nur funktionieren, wenn der Übermittler der Botschaft als glaubwürdig gelte. So habe sich das Medium Radio in den 1930er-Jahren vom Unterhaltungsmedium zum ernsthaften Nachrichtenkanal gewandelt. Eine Schlüsselszene war der Grubenunglück von Moose River in Kanada im Jahr 1936, als ein Reporter über 56 Stunden hinweg live berichtete.
Auch die bedrohliche Lage in Europa kurz vor dem Zweiten Weltkrieg habe dazu beigetragen, das Radio als seriöse Nachrichtenquelle zu etablieren. Diese Glaubwürdigkeit wiederum habe Orson Welles 1938 für sein Hörspiel „Krieg der Welten“ ausgenutzt – viele Zuhörer glaubten tatsächlich, Außerirdische seien gelandet.
Die Auswirkungen des Sensationalismus
Dieser Abschnitt zeigt, welche Macht Sensationalismus über das Publikum hat. Besonders der zweite Typ des Sensationalismus – die gezielte Propaganda – nutze den Druck auf Journalisten in schrumpfenden Redaktionen gnadenlos aus. So seien im Fall Jessica Lynch über 600 Berichte erschienen, ein Buch sei überhastet veröffentlicht worden und eine TV-Verfilmung wurde auf einen werbewirksamen Termin gelegt.
Solche Beispiele trugen zu einem der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Mediengeschichte bei.
Die Reaktion des Journalismus auf Sensationalismus sei möglicherweise die folgenreichste Konsequenz. Jahrzehnte sogenannter „Yellow Press“ führten zur Einsicht, dass professionelle Standards notwendig seien. Diese Standards hätten dazu beigetragen, Journalismus als Beruf mit einer gesellschaftlichen Funktion – über bloßen Profit hinaus – zu begreifen. Eine kulturelle Wende sei erforderlich gewesen, bei der Journalismus als demokratierelevant verstanden und zunehmend akademisch gelehrt wurde.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts werde diese Entwicklung durch Gremien wie die „Commission on Freedom of the Press“ oder Institute wie Poynter weitergeführt. Letzteres habe beispielsweise fünf Regeln zur Entschärfung sensationsheischender Berichterstattung aufgestellt: Bei den Fakten bleiben, vorsichtig beim Benennen und Beschreiben von Verdächtigen, auch gegenüber Experten skeptisch bleiben, alle Details beschaffen, und eine gute Geschichte erzählen.
Fazit
Der Aufstieg von „Infotainment“ und Klatsch als Nachricht konkurriert mit dem Ideal eines Journalismus im Dienst der demokratischen Gesellschaft. Journalismus gilt einerseits als unverzichtbarer öffentlicher Dienst, andererseits ist er ein Geschäft, das von Werbung und Reichweite abhängig ist. Während manche hoffen, Journalismus sei eine vernünftige und sachliche Darstellung relevanter Ereignisse, befürchten andere, Journalisten würden gezielt emotionale Bilder manipulativ einsetzen.
Ein anonymer britischer Vers aus dem 19. Jahrhundert bringt diesen Zwiespalt auf den Punkt: „Kitzle das Publikum, bring es zum Lachen – je mehr du kitzelst, desto mehr wirst du gewinnen; belehre das Publikum, wirst du nie reich – du gehst als Bettler und stirbst im Graben.“
Im Zentrum der Debatte um Sensationalismus steht die Frage nach der Verlässlichkeit von dem, was als „Fakt“ präsentiert wird. Ein erfahrener Reporter fasst es prägnant zusammen: Information, der man nicht trauen könne, sei nicht weniger wertvoll – sie sei wertlos.
Autor: Peter Downie