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Journalismus-Lexikon

New Journalism

New Journalism

In der sich rasant entwickelnden Medienwelt kann der Begriff „New Journalism“ vieles bedeuten – wir verbinden ihn jedoch vor allem mit einer „Schule“ beziehungsweise einem „Stil“, der in den 1960er- und 1970er‑Jahren zunehmend an Popularität gewann.

Damals machten immer mehr Zeitungs‑ und Magazinreporter etwas, woran sich frühere Reporter­ generationen bereits versucht hatten: Sie übertrugen Techniken des fiktionalen Schreibens auf ihre nicht‑fiktiven Nachrichten­geschichten.

Die Verfechter sagten uns, dass sie mit kreativem Non‑Fiction‑Schreiben die Leser näher an die eigentliche Wahrheit einer Geschichte heranführen könnten – und dass diese Technik unsere Aufmerksamkeit fessele, sodass wir bis zum Ende weiterlesen wollten. Sie erklärten, literarische Mittel machten die Berichte relevanter und wichtiger. Und die New Journalists nutzten so viele Stilmittel wie möglich, um uns zu packen:

 

  • Aufbau einer Handlung
  • Vorausdeutung
  • Dialog oder Monolog
  • Präsens
  • den Reporter als Figur einführen
  • Ereignisse rekonstruieren, die der Reporter nicht selbst erlebt hat
  • Tempo und Spannung statt rein linearer Faktendarstellung

 

Historische Wurzeln

Obwohl die Bewegung in den 1960er‑/70er‑Jahren explodierte, reichen ihre Wurzeln Jahrzehnte zurück. Eine lange Tradition des „participatory journalism“ beginnt bereits im 19. Jahrhundert, als Julius Chambers, Jack London, Nellie Bly, Jacob Riis und Upton Sinclair gesellschaftliche Missstände untersuchten – oft, indem sie sich selbst so nah wie möglich an das Geschehen begaben.

Bly ließ sich beispielsweise Ende des 19. Jahrhunderts in eine psychiatrische Anstalt einweisen, undercover für den New York World, eine Zeitung, die häufig als frühe Heimat mancher späterer New‑Journalism‑Formen genannt wird. Ihre eindrucksvollen Berichte erschienen als Buch Ten Days in a Mad‑House und lenkten breite Aufmerksamkeit auf die unmenschliche Behandlung von Psychiatrie‑Patienten.

 

Meilensteine der Moderne

Ein weiterer Wendepunkt war der 31. August 1946: Das Magazin The New Yorker widmete seine gesamte Ausgabe einem fast 30.000 Wörter langen Artikel von John Hersey über den Atombombenabwurf auf Hiroshima. Zunächst über vier Ausgaben verteilt geplant, entschied die Redaktion, alles auf einmal zu bringen. Das Stück erschien später als Buch Hiroshima, wurde ein internationaler Bestseller und brachte Hersey den Pulitzer‑Preis ein.

Bewunderer betonen, dass Hersey penibel recherchierte und gleichzeitig literarische Techniken nutzte, ohne ins Schwülstige oder Subjektive abzurutschen. Sein erster Satz zeigt bereits Tempo, Figuren, Rekonstruktion und Vorausdeutung – Elemente, die wir sonst aus Romanen kennen.

Parallel nutzten Journalisten wie A. J. Leibling und Joseph Mitchell (ebenfalls im New Yorker) sowie Sportautor W. C. Heinz ähnliche Methoden. Doch Herseys Werk gilt als direkte Vorstufe der wagemutigeren Welle des New Journalism der 1960er und 1970er Jahre.

 

Die Vorreiter

Schriftsteller wie Norman Mailer, Truman Capote, Tom Wolfe, Gay Talese und Jimmy Breslin standen an der Spitze dieser modernen Bewegung. Ihre Arbeiten spiegelten die tiefgreifenden Umbrüche in Musik, Sexualmoral und politischem Aktivismus jener Zeit.

 

  • Jimmy Breslin berichtete für den New York Herald Tribune über das Attentat auf Präsident Kennedy und begann eine seiner Reportagen mit dem Totengräber, der Kennedys Grab aushebt.
  • Gay Talese verfasste für Esquire Detailstudien über Frank Sinatra, Joe Louis und Joe DiMaggio – häufig aus monatelanger Beobachtung. Sein Klassiker „Frank Sinatra Has a Cold“ (1966) entstand, ohne dass er Sinatra je interviewt hätte.
  • Truman Capote sprengte Grenzen mit In Cold Blood, und Norman Mailer verband Romankunst mit Reportage.
  • Tom Wolfe popularisierte den Begriff und das Genre mit The Electric Kool‑Aid Acid Test (1968) und festigte die Bezeichnung 1973 in seinem Buch The New Journalism.
  • Hunter S. Thompson lieferte ab den 1970ern für Rolling Stone extrem persönliche Geschichten – sein „Gonzo‑Journalismus“ wie Fear and Loathing in Las Vegas stellte jede Objektivitäts­behauptung auf den Kopf.

 

Kritik und Debatte

Der Ruhm der Urväter wurde von späteren New Journalists kaum erreicht. Warum?

 

  • Abnutzungseffekt: Ab den 1980ern waren die einst schockierenden Stilmittel allgegenwärtig.
  • Medienwandel: Mit Multimedia und Social Media entstanden zahllose neue Ausdrucksformen jenseits von Zeitungen und Magazinen.

Gleichzeitig blieben alte Fragen bestehen: Führt literarisches Schreiben zu Faktenverlust? Ist es riskant, wenn Reporter sich selbst ins Zentrum stellen? Haben sie eine Agenda?

Skeptiker warnten, New Journalists seien parteiisch oder erfänden Szenen. Verteidiger wie Gay Talese betonen bis heute ihre akribische Recherche.

Fazit: Der Drang, Geschichten hautnah und kreativ zu erzählen, verschwindet nicht. Jede neue Journalistengeneration – ob in Multimedia, Social Media oder klassischen Medien – muss abwägen, wie weit sie literarische Techniken treiben will.

 

Autor: Prof. Dr. William Minutaglio



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