Mitläufer-Journalismus
Mitläufer- bzw. Rudel-Journalismus (bandwagon journalism) bezeichnet die Tendenz von Journalistinnen und Journalisten, sich bei der Auswahl von Geschichten, Blickwinkeln und Quellen sowie bei der allgemeinen Themenbehandlung an Kolleginnen und Kollegen zu orientieren. Der Begriff ist eng mit dem Ausdruck „Rudeljournalismus“ (englisch: pack journalism) verbunden, der laut einem Buch von Timothy Crouse aus dem Jahr 1973 eingeführt wurde, das sich mit der Berichterstattung über die US-Präsidentschaftswahl 1972 beschäftigt. Beide Begriffe werden vor allem im politischen Kontext verwendet, „Rudeljournalismus“ findet sich jedoch auch in der Kritik an der Berichterstattung über Kriminalfälle und Gesundheitsthemen.
Das Online-Wörterbuch Merriam-Webster beschreibt „bandwagon“ zum einen als reich geschmückten Wagen für Musikgruppen in Zirkusparaden, zum anderen als eine populäre Bewegung, die zunehmende Unterstützung erfährt. Historisch gesehen bot ein bekannter Zirkusclown Mitte des 19. Jahrhunderts Politikern wohl erstmals Platz auf seinem Wagen an, wodurch diese mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Zwar wird von anderer Seite angezweifelt, dass solche Wagen zu seiner Zeit überhaupt existierten, sicher ist aber, dass Politiker später diese öffentlichkeitswirksamen Fahrzeuge für ihre Kampagnen nutzten. Menschen schlossen sich dem Zug dieser Wagen an – teils aus Unterstützung, teils wegen der allgemeinen Begeisterung. Der Begriff „Bandwagon-Effekt“ beschreibt daher das Phänomen, dass Menschen sich lieber einer siegreichen Bewegung anschließen, auch wenn sie zuvor kritisch oder gleichgültig eingestellt waren.
Mitläufer-Journalismus beschreibt folglich das Verhalten von Nachrichtenorganisationen, sich verstärkt solchen Kandidaten oder Ansichten zuzuwenden, die an Unterstützung gewinnen. Eine Untersuchung zur kanadischen Bundestagswahl 2006 zeigte etwa, dass Sender den Spitzenkandidaten – also jenen mit guten Umfragewerten – deutlich mehr Raum einräumten als jenen mit schlechteren. Insbesondere die beiden größten Parteien standen im Fokus, während Drittparteien kaum Beachtung fanden. Die Untersuchung stellte fest, dass mit wachsender öffentlicher Unterstützung auch das mediale Interesse zunahm.
Obwohl „Rudeljournalismus“ oft mit politischen Themen verbunden ist, beschreibt er generell das Verhalten von Journalistinnen und Journalisten, dieselben Geschichten zu behandeln, sich auf dieselben Quellen zu stützen und ähnliche Fragen zu stellen. Laut einer Analyse ziehen diese Journalistinnen und Journalisten von Ereignis zu Ereignis, oft in Gruppen, und berichten gemeinsam von bestimmten Orten. Dieses Verhalten zeigt sich nicht nur bei politischen Wahlkämpfen, sondern auch bei Katastrophen, Kriminalfällen, Gesundheitskrisen, Sportereignissen oder Unterhaltungsnachrichten.
Eine Erklärung für Mitläufer-Journalismus ist, dass Journalistinnen und Journalisten sicherstellen wollen, über Themen zu berichten, die öffentliches Interesse auf sich ziehen. Umfragen oder Hinweise auf wachsende Unterstützung führen dazu, dass sich die Berichterstattung stärker auf bestimmte Themen konzentriert – was häufig zu intensiver und positiver Berichterstattung führt.
Crouse machte dafür unter anderem den Umstand verantwortlich, dass Reporter gemeinsam in Bussen oder Flugzeugen der Kandidaten unterwegs waren und somit dieselben Informationen erhielten, Gerüchte teilten und ähnliche Geschichten schrieben.
Ein weiterer Erklärungsansatz sieht wirtschaftliche Anreize als treibende Kraft: Medien wollen keine wichtige Geschichte verpassen, über die andere bereits berichten. Daher werden massentaugliche Themen bevorzugt. Kritischere Stimmen meinen, Medienunternehmen würden vor allem Perspektiven verbreiten, die von politischen und wirtschaftlichen Eliten legitimiert sind. So könne ein konsensbasierter Nachrichtenrahmen entstehen, der kostengünstig sei, da auf aufwändige Recherche alternativer Perspektiven verzichtet werde.
Andere Stimmen betonen, dass Journalistinnen und Journalisten nicht nur Opfer ökonomischer Zwänge seien. Vielmehr spiele auch ihr Eigeninteresse eine Rolle, wenn sie sich an den Themen anderer orientieren. Es sei einfacher, bereits recherchierte Geschichten weiterzuverarbeiten, als neue, exklusive Inhalte zu erstellen. Zudem riskiere man bei Abweichung von etablierten Deutungen Nachteile innerhalb der Redaktion. Auch Redakteure reagierten zögerlich, wenn sie allein mit einer Geschichte dastünden oder eine Meldung nicht brächten, die andere Medien aufgreifen.
Mitläuferjournalismus in der politischen Berichterstattung
Beispiele für dieses Verhalten sind zahlreich. Kritiker vermuten etwa, dass Barack Obama während der Vorwahlen 2008 von einem Mitläufereffekt zu Lasten seiner Rivalin Hillary Clinton profitierte. In einem bestimmten Zeitraum war die Frage, wann Clinton ihre Kandidatur aufgeben würde, eines der meistbehandelten Nachrichtenthemen – noch vor inhaltlich relevanteren Fragen zu Krieg, Wirtschaft oder Aussagen anderer Kandidaten.
Ein besonders gravierender Fall war die mediale Unterstützung für die US-Invasion im Irak. Eine bekannte Reporterin kritisierte die Medien für ihre unkritische Haltung gegenüber der Regierung, die mit fragwürdigen Belegen für Massenvernichtungswaffen den Krieg rechtfertigte. Zwei führende Zeitungen hätten laut ihrer Einschätzung in Leitartikeln teils offen zum Krieg aufgerufen. Eine bekannte CNN-Journalistin machte später den Konkurrenzdruck durch einen anderen Nachrichtensender dafür verantwortlich, dass ihr Sender zurückhaltender in seiner Kritik war.
Mitläuferjournalismus in der Kriminal- und Katastrophenberichterstattung
Auch bei Gewalttaten zeigt sich Rudeljournalismus. Nach dem Massaker an der Virginia Tech University strömten zahlreiche Reporter in die betroffene Stadt, was bei den Einwohnern Widerstand hervorrief. Ähnlich war es nach dem Amoklauf in Newtown. In der Eile, Informationen zu liefern, verbreiteten sich zahlreiche falsche Angaben – etwa zur Identität des Täters oder zu dessen familiärem Umfeld. Die Sender interviewten dieselben Kinder und präsentierten immer wieder ähnliche Expertendeutungen.
Mitläuferjournalismus in der Gesundheitsberichterstattung
Gesundheitsthemen bieten ebenfalls Anlass für Rudeljournalismus – besonders wenn sie ein breites Publikum betreffen könnten. Ökonomischer Druck führt dazu, dass Geschichten bevorzugt werden, die sich schnell produzieren lassen. Eine erfahrene Journalistin beschrieb es so, dass es günstiger sei, eine Geschichte übermäßig zu behandeln, als tiefgreifend über ein wenig beachtetes Thema zu recherchieren.
Dies kann zu übermäßiger Aufmerksamkeit für relativ geringe Risiken führen, etwa bei der „Schweinegrippe“ oder der Ebola-Berichterstattung 2014. Laut einer Expertin stehen dabei vor allem neue, gewaltsame und bedrohlich erscheinende Epidemien im Fokus – insbesondere, wenn sie potenziell auch die USA betreffen.
Das mediale Interesse kann in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr stehen – sowohl Über- als auch Unterbewertung sind möglich. Eine britische Studie zeigte etwa, dass Journalistinnen und Journalisten ihre Berichterstattung über das sogenannte „False Memory Syndrome“ unter anderem damit rechtfertigten, dass US-Medien das Thema bereits aufgegriffen hatten. Der Druck durch andere Medien führte schließlich dazu, dass auch ursprünglich zurückhaltende Redaktionen berichteten.
Kritik am Mitläuferjournalismus
Ein zentrales Problem besteht darin, dass Mitläufer- und Rudeljournalismus die Vielfalt an Perspektiven einschränken, die dem Publikum zur Verfügung stehen. Wenn alle auf dieselben Quellen und Fragen zurückgreifen, entsteht kein differenziertes Bild. Minderheitenmeinungen oder weniger prominente Stimmen bleiben oft ungehört, auch wenn sie wertvolle Einsichten liefern könnten.
Zudem führt dieser Fokus auf einzelne Themen dazu, dass andere, womöglich wichtigere Geschichten nicht behandelt werden. Ein Autor formulierte es so, dass fast alle Energie auf einen kleinen Teil der Themen gerichtet werde – und somit viele andere Geschichten unberücksichtigt blieben. Eine Untersuchung zeigte etwa, dass die großen US-Morgensendungen 2007 mehr Zeit dem Tod eines früheren Models widmeten als wichtigen außenpolitischen Themen oder dem Präsidentschaftswahlkampf.
Mitläufer-Journalismus kann auch für Betroffene schwerwiegende Folgen haben – insbesondere bei negativ geprägter Berichterstattung. So wurde ein Sicherheitsmann fälschlich als Hauptverdächtiger eines Anschlags dargestellt, was sein Leben massiv beeinträchtigte. Auch in Newtown oder Virginia Tech berichteten Überlebende von der überwältigenden Medienpräsenz. Selbst bei vorsichtiger Vorgehensweise kann die schiere Zahl an Journalistinnen und Journalisten bedrängend wirken. In solchen Situationen sei es wichtig, zwischen Gesprächsbereiten und unter Schock stehenden Personen zu unterscheiden.
Langfristig gefährdet Mitläufer- und Rudeljournalismus die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Während der US-Wahl 2012 ließen sich laut einer Untersuchung in der Berichterstattung über beide Kandidaten fünf von sechs dominierenden Erzählmustern als negativ beschreiben. Solche Stereotypisierungen fördern den Eindruck von Einseitigkeit und tragen zum Glaubwürdigkeitsverlust bei. Eine Umfrage zeigte 2012 einen historischen Tiefstand beim Vertrauen in US-Nachrichtenmedien.
Einige Fachleute vermuten, dass Rudeljournalismus künftig seltener auftreten wird. Einer der Gründe sei das Wachstum sozialer Medien, das neue Stimmen in die Öffentlichkeit gebracht habe. Diese konkurrieren mit traditionellen Medien um Aufmerksamkeit und Einfluss bei der Rahmung von Geschichten. Hinzu kommen neue digitale Medienformate und unabhängige journalistische Plattformen, die sich als Alternativen positionieren. Der einfache Zugang zu weltweiten Nachrichtenquellen macht es für Medien notwendig, sich stärker voneinander abzuheben. Ob diese Entwicklungen tatsächlich einen Rückgang des Rudeljournalismus bewirken, muss zukünftige Forschung zeigen.
Die Autorin: Dr. Kim Walsh-Childers