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Journalismus-Lexikon

Engagierter Journalismus (advocacy journalism)

Engagierter Journalismus

Engagierter Journalismus (advocacy journalism) ist ein journalistisches Genre, das – wie der Name schon sagt – darauf abzielt, bestimmte Anliegen, Organisationen und/oder Sichtweisen zu vertreten. Infolgedessen hält er sich nicht an die konventionelle journalistische Trennung zwischen Nachrichten und Meinungen, sondern argumentiert vielmehr, dass es weder möglich noch wünschenswert sei, eine solche Trennung aufrechtzuerhalten. Diese Trennung sei, so Wissenschaftlerinnen des engagierten Journalismus, nicht aufrechtzuerhalten, da Journalistinnen jedes Mal, wenn sie sich entscheiden, bestimmte Themen aus bestimmten Perspektiven unter Einbeziehung bestimmter Informationsquellen zu behandeln, explizit oder implizit bestimmte Themen, Perspektiven und Quellen gegenüber anderen – möglicherweise ebenso legitimen – bevorzugen. Ebenso ist diese Trennung in der Praxis nicht umsetzbar, weil Medienbesitzerinnen und Werbekundinnen häufig einen starken, wenn auch nicht offen anerkannten Einfluss darauf ausüben, was berichtet wird und wie.

Diese Unmöglichkeit, Nachrichten von Meinungen zu trennen, bedeutet nicht, dass es keine objektive Realität gibt. Sie bedeutet lediglich, dass Journalistinnen in der Praxis nicht in der Lage sind, über die Realität völlig wertfrei zu berichten. Tatsächlich berichten Journalistinnen, indem sie scheinbare gesellschaftliche Mehrheitsmeinungen zu bestimmten Themen oder Ereignissen darstellen, über ebendiese Mehrheiten – was wiederum bedeutet, dass Minderheitenstimmen und alternative Perspektiven marginalisiert werden.

Schließlich, und damit verbunden, argumentieren Wissenschaftlerinnen des engagierten Journalismus, dass die Trennung zwischen Nachricht und Meinung auch nicht wünschenswert sei, da sie das Potenzial des Journalismus als Instrument für fortschrittlichen sozialen und politischen Wandel untergräbt. Vielmehr steht der engagierte Journalismus in einer dialektischen Beziehung zu breiteren sozialen Bewegungen und politischen Parteien: Er geht aus ihnen hervor und trägt durch seine Öffentlichkeitsarbeit zugleich zu ihrer Weiterentwicklung bei. Journalistinnen sollten daher ihre Haltung offenlegen, um größere Transparenz und Bewusstsein beim Publikum zu fördern.

Obwohl sich engagierter Journalismus – wie auch konventioneller, objektiver Journalismus – auf Informationsbeschaffung stützt, um verlässliche Darstellungen von Themen oder Ereignissen zu liefern, besteht sein Ziel nicht nur darin, möglichst genau zu berichten. Vielmehr soll die Wahrnehmung des Publikums in eine bestimmte Richtung gelenkt und letztlich verändert werden. Dennoch unterscheidet sich engagierter Journalismus von Propaganda, weil er – im Gegensatz zu dieser – auf Genauigkeit und Verlässlichkeit abzielt, nicht auf die Verbreitung bestimmter Ansichten unabhängig von deren faktischer Richtigkeit oder ethischer Vertretbarkeit.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal liegt in der Frage, wo sich engagierter Journalismus findet. Generell tritt er vor allem in alternativen Medien, lokalen Gemeinschaftsmedien und anderen Medienformen auf, die bestimmte Anliegen, Organisationen oder Sichtweisen unterstützen. In den letzten Jahrzehnten ist engagierter Journalismus jedoch zunehmend auch in große Medienhäuser übergegangen, insbesondere in Rundfunkanstalten. Zu den bekanntesten Beispielen zählen heute der konservative Sender Fox News und der liberale Sender MSNBC in den USA. Die meisten etablierten Tageszeitungen unterscheiden weiterhin zwischen sachlicher Berichterstattung und offener Meinungsäußerung. Während sachliche Berichte in fast allen Ressorts erscheinen, ist explizite Meinungsäußerung auf Analyse- und Kommentarspalten beschränkt, in denen die Redaktion sowie regelmäßige oder eingeladene Gastautoren ihre Sichtweisen zu aktuellen, relevanten Themen äußern.

 

Die historischen Wurzeln des engagierten Journalismus

Engagierter Journalismus lässt sich historisch bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen, als viele Zeitungen in Europa und den Vereinigten Staaten eng mit bestimmten christlichen Strömungen und politischen Parteien verbunden waren. Besonders ausgeprägt wurde dieses Genre jedoch mit dem Aufkommen der sogenannten „Partei-Presse“ in den 1880er Jahren. Engagierter Journalismus gilt als einer der Grundpfeiler des sich herausbildenden Zwei-Parteien-Systems in den USA mit den Parteien der Demokraten und Republikaner. Zeitungen in Großstädten wie Baltimore, Boston, Chicago, Cincinnati und New York veröffentlichten nicht nur detaillierte Berichte über Regierungsarbeit, sondern trugen auch zur Mobilisierung der Wählerschaft und zur landesweiten Verankerung beider Parteien bei.

Im frühen 20. Jahrhundert fand engagierter Journalismus auch Eingang in Mainstream- und Alternativmedien, besonders mit dem Auftreten der sogenannten „Muckraker“ (Missstände-Aufdecker) in den USA. Noch stärker als die Parteipresse zuvor setzten sich prominente Muckraker wie Samuel Adams, Jacob Riis, Upton Sinclair, Lincoln Steffens und Ida Tarbell für die am meisten marginalisierten Gesellschaftsgruppen ein, deckten staatliche und unternehmerische Korruption auf und dokumentierten die miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Menschen.

In den folgenden Jahrzehnten, insbesondere in den 1960er Jahren, wurde engagierter Journalismus zum Markenzeichen zahlreicher Publikationen, die sich dem Schicksal bestimmter Bevölkerungsgruppen widmeten – etwa Afroamerikanerinnen, Schwulen und Lesben, Sozialistinnen, Arbeiter und Frauen.

In jüngerer Zeit hat der engagierte Journalismus die Prinzipien und Praktiken journalistischer Reformbewegungen wie des „Public Journalism“ (Bürgerjournalismus) und des „Solutions Journalism“ (Lösungsjournalismus) beeinflusst, ebenso wie investigative Formate. Wie der engagierte Journalismus zielen diese Formate auf konkrete Ergebnisse: Bürgerbeteiligung, gemeinsame Themenfindung zwischen Publikum und Journalisten, oder die Darstellung möglicher Lösungen gesellschaftlicher Probleme. Gemeinsam mit dem investigativen Journalismus teilt der engagierte Journalismus das Anliegen, Missstände in Staat und Wirtschaft aufzudecken und demokratiegefährdende Probleme ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

 

Die Praxis des engagierten Journalismus

Engagierter Journalismus wird weltweit in vielen Mainstream- und Alternativmedien praktiziert – ob Printmedien, Rundfunk oder Online-Plattformen. Interessanterweise kann er das Gesamtprofil eines Mediums prägen (wie bei vielen alternativen Medien), aber auch nur bestimmte Ressorts betreffen (wie etwa Meinungsseiten großer Tageszeitungen) oder sich in einem einzelnen Beitrag äußern (wie bei vielen General-Interest-Magazinen).

Die Themen engagierter Berichterstattung decken das gesamte Spektrum denkbarer Inhalte ab, betreffen jedoch besonders häufig wahrgenommene Ungerechtigkeiten gegenüber bestimmten, oft marginalisierten Bevölkerungsgruppen – wie Schwule und Lesben, Jugendliche, Frauen oder Arbeiter – oder Themen von allgemeinem öffentlichem Interesse, etwa Klimawandel, Bodenverseuchung oder Wasserverschmutzung. Dabei geht es meist darum, durch Berichterstattung die gesellschaftliche Stellung dieser Gruppen im Vergleich zu dominanteren Gruppen zu stärken.

Engagierte Beiträge folgen dabei verschiedensten Formaten, weisen jedoch oft typische Merkmale auf: Vor allem bekennen sich Journalisten offen zu ihrer Perspektive, anstatt eine scheinbare Neutralität vorzugeben. Dennoch bemühen sie sich um größtmögliche faktische Genauigkeit, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren. Dazu gehört, auf Basis der besten verfügbaren Informationen zu arbeiten, Fakten nicht aus dem Zusammenhang zu reißen und Informationen weder zu fälschen noch zu erfinden.

 

Kritik am engagierten Journalismus

Obwohl engagierter Journalismus ein populäres Genre ist und selbst in etablierten Medien neben objektivem Journalismus einen festen Platz gefunden hat, bleibt er hoch umstritten. Kritiker aus der Wissenschaft und der Praxis werfen ihm vor, durch die Vermischung von Nachricht und Meinung das Vertrauen des Publikums in den Journalismus zu untergraben. Sie befürchten auch, dass das Publikum alle Aussagen unterschiedslos als Fakten hinnehme und dadurch fehlinformiert werde.

Zunächst jedoch ist es nicht korrekt, dass die Verwischung der Grenzen zwischen Nachricht und Meinung das Vertrauen in den Journalismus mindere. Die wachsende Popularität prominenter Sender wie Fox News und MSNBC in den USA – beide mit klarer politischer Ausrichtung – zeigt vielmehr, dass diese Offenheit das Vertrauen sogar stärkt. Gleiches gilt für landesweit verbreitete Meinungsmagazine wie American Prospect, Commentary, Mother Jones, National Review oder Reason, ebenso wie für eine Vielzahl kleinerer Nischen- und Gemeindemedien. Sie alle erfreuen sich nicht nur großer Beliebtheit, sondern tragen zur allgemeinen Vertrauensbildung in journalistische Arbeit bei. Zahlreiche Studien zeigen, dass das Publikum Medien, die ihre politische Haltung offenlegen, mehr vertraut als solchen, die vorgaukeln, vollständig objektiv und unvoreingenommen zu sein.

Zudem gibt es keine Belege, dass das Publikum Behauptungen und Fakten nicht auseinanderhalten könne oder daher zunehmend fehlinformiert sei. Studien zeigen vielmehr, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, zwischen Fakten und Meinungen zu unterscheiden und dass der Konsum meinungsstarker Medien ihre faktische Kenntnis zu bestimmten Themen sogar erhöht.

Und schließlich – vielleicht am wichtigsten – ist der engagierte Journalismus aufgrund seiner dialektischen Beziehung zu sozialen Bewegungen ein zentraler Motor gesellschaftlichen Fortschritts. Ob Bürgerrechte, LGBTQ+-Rechte, Frauenrechte oder andere Anliegen marginalisierter Gruppen: Ohne engagierten Journalismus wären viele der heutigen Fortschritte kaum denkbar gewesen. Seine größte Stärke liegt darin, soziale Bewegungen zu bündeln, zu stärken und deren Anliegen in die breite Öffentlichkeit zu tragen.

 

Autor: Prof. Dr. Tanni Haas

 




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