Von Y-Kollektiv und STRG_F zu VOLLBILD und Crisis: Journalistische Formate, bei denen Reporterinnen und Reporter vor der Kamera ihr eigenes Erleben in den Mittelpunkt stellen, erfreuen sich besonders bei jungen Zuschauerinnen und Zuschauern großer Beliebtheit. Die „Presenter-Formate“ setzen auf die personalisierte Vermittlung von Erfahrungen, aber auch von Meinungen und Emotionen der Berichterstattenden – und loten dadurch die Grenzen der klassischen Reportage aus.
Doch wie haben sich die Presenter-Reportagen als journalistisches Format über die Jahre weiterentwickelt? Eine Studie der Otto Brenner Stiftung hat sich der Erforschung der „Journalistischen Grenzgänger“ bereits 2023 in Form einer Analyse der Reportagen von funk gewidmet. Eine aktuelle Untersuchung analysiert nun, wie sich der beliebte Ich-Journalismus in entsprechenden nachfolgenden Formaten der öffentlich-rechtlichen Sender präsentiert.
Untersucht wurden im Zeitraum 2021 bis 2024 über 400 Reportagen aus den Formaten VOLLBILD (SWR), exactly (MDR), Ultraviolet Stories (ZDF), Crisis – Hinter der Front (SWR) und PULS-Reportage (BR) und damit mehr als 146 Stunden Videomaterial quantitativ und qualitativ analysiert. Inhaltliche Kriterien waren unter anderem Themen, Berichterstattungsmuster, Darstellungsformen und Ereignisorte der Berichterstattung oder die Bewertungen von Ereignissen sowie Akteurinnen und Akteure.
Berichterstattende überwiegend als Akteure und Quelle des Formats
Die Ergebnisse zeigen, dass in erster Linie „Lebensweltthemen“ wie Partnerschaft und Gesundheit (rund 40 Prozent) vor Themen aus Politik oder Wirtschaft (rund 39 Prozent) behandelt werden. Diese wurden überwiegend durch gefühlsorientierte Strategien der Zielgruppenansprache (rund 94 Prozent) vermittelt.
Auch in Bezug auf die Berichterstattungsmuster dominiere „ein subjektiver New Journalism“ (rund 94 Prozent). Formen des Erklärjournalismus (3 Prozent) oder der Investigativjournalismus (rund 2 Prozent) kämen hingegen selten vor – und das, obwohl einige Formate explizit einen investigativen Anspruch formulieren würden, wie die Studienverantwortlichen zusammenfassend darstellen. Zudem enthalten entgegen den herkömmlichen Konventionen der Darstellungsform 93 Prozent der untersuchten Reportagen die explizite Meinung der Berichterstattenden selbst. Darüber hinaus treten diese vorrangig selbst als Akteure auf und fungieren als Hauptquelle der vermittelten Informationen.
Auch wurde ermittelt, welche journalistischen Qualitätskriterien in den neuen Presenter-Formaten stark oder schwach ausgeprägt sind. Partizipation, Authentizität, Exklusivität und Emotionalität sind in den Formaten von Bedeutung. Traditionelle „objektive“ Kriterien wie Transparenz, Vielfalt und Relevanz sind in der Mehrheit der Beiträge nicht stark ausgeprägt, Reflexivität und Nutzwert fehlen in den meisten Reportagen vollständig.
Drohende Übersättigung der Zielgruppe
Obwohl die Presenter-Formate in den letzten Jahren bei der jungen Zielgruppe einen Aufschwung erlebten, diagnostiziert die Studie dennoch auch eine drohende Übersättigung an den subjektiv präsentierten Inhalten: Mit Ausnahme des Formats PULS Reportage erreiche keines der untersuchten Formate die Reichweiten der Vorgänger.
Fazit
Die Untersuchung zeigt, dass neue Presenter-Formate der öffentlich-rechtlichen Sender in der Tradition ihrer Vorgänger stehen. Das Berichterstattungsmuster des New Journalism betonen sie nun sogar noch mehr; die Reporterin bzw. der Reporter sind nun fast ausschließlich Hauptquelle und -agierende der Sendung. Zudem variieren die neuen Presenter-Formate die Art Berichterstattung des Genres vermehrt, z. B. hinsichtlich der Themenwahl.
Als Gründe für die gesunkenen Reichweiten des Formats nennen die Studienverantwortlichen die redundanten Themenbehandlungen, fehlende investigative Tiefe und stellenweise wenig authentische Selbstinszenierung („Selfie-Journalismus“). Ein Fokus auf weniger Formate und Beiträge, jedoch auf die Vertiefung der investigativen journalistischen Substanz wird als Ansatzpunkt zur Weiterentwicklung vermittelt.