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Studie: Soziale Herkunft prägt Berufseinstieg

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Wie prägt die soziale Herkunft Wege in den Journalismus? Dieser Frage gehen Tanja Köhler, Journalismusprofessorin an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS), und Co-Autorin Dr. Julia Lönnendonker in der aktuellen Studie „Klassismus im Journalismus“ nach. Eine Online-Befragung im Herbst 2024 sollte zeigen, aus welchen sozialen Herkunftsgruppen angehende Journalistinnen und Journalisten stammen und ob sich ihr berufliches Rollenverständnis danach unterscheidet. Insgesamt haben 250 Personen an der Befragung teilgenommen, darunter 180 Menschen, die ein Volontariat absolvieren, und 70 Journalistenschülerinnen und -schüler.

Akademische Abschlüsse überwiegen

Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Bildungsselektion beim Zugang zum Journalismus: Rund 52 Prozent der Volontärinnen und Volontäre sowie rund 65 Prozent der Journalistenschülerinnen und -schüler stammen aus einem akademischen Elternhaus. Insgesamt haben rund 23 Prozent eine hohe Bildungsherkunft mit zwei studierten Elternteilen; rund 32 Prozent eine gehobene Bildungsherkunft, bei der ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat. Rund 97 Prozent der Befragten haben selbst Abitur, knapp 86 Prozent einen Hochschulabschluss. Weitere knapp neun Prozent haben studiert, aber keinen Abschluss erworben. Damit liege der Anteil von Personen mit Hochschulabschluss klar über jenem der Gesamtbevölkerung in Deutschland, der laut einer zitierten Untersuchung im Jahr 2021 bei lediglich 24 Prozent lag. Da der Weg in den Journalismus demnach fast ausschließlich über die Hochschulreife führt, begünstige dies strukturell bereits diejenigen, die diesen Bildungsweg überhaupt einschlagen können.

Praktika und freie Mitarbeit

Die Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass die Bildungsherkunft eine Rolle spielt, wenn es um die Absolvierung freiwilliger Praktika geht. Denn obwohl diese oft als wichtige Stationen beim Berufseinstieg gelten, muss man sich unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeit schlichtweg auch leisten können. Von den Befragten, die bislang kein freiwilliges journalistisches Praktikum oder keine Hospitanz absolviert hatten, nannten 44 Prozent aus nicht akademischen Elternhäusern finanzielle Gründe. Unter den Befragten mit akademischem Elternhaus waren es lediglich 21 Prozent.

Schon vor ihrer journalistischen Ausbildung hatten mehr als zwei Drittel aller Befragten frei für ein Medium gearbeitet, wobei Personen aus akademischen Elternhäusern tendenziell häufiger in freier Mitarbeit tätig waren. Der Abstand zur Gruppe aus nicht akademischen Elternhäusern lag bei knapp neun Prozentpunkten. Zum Vergleich: Der Anteil derjenigen mit absolvierten Praktika war bei beiden Gruppen nahezu gleich; die Studie beziffert den Unterschied auf 2,5 Prozentpunkte. Die Autorinnen sehen hier Hinweise darauf, dass sich die Möglichkeiten, längerfristige redaktionelle Praxis zu sammeln, je nach sozialer Herkunft unterscheiden.

Familiäre Unterstützung ungleich verteilt

Auch bei der finanziellen Unterstützung während der Ausbildung zeigen sich Unterschiede. Junge Journalistinnen und Journalisten aus der niedrigsten Bildungsherkunftsgruppe – in der maximal ein Elternteil eine Berufsausbildung abgeschlossen hat – sind demnach wesentlich häufiger auf sich allein gestellt: Rund 73 Prozent erhielten oder erhalten keine finanzielle Unterstützung durch ihre Familie. In der höchsten Herkunftsgruppe betrifft dies nur rund 25 Prozent.

Wie die Befragten ihre Chancen einschätzen

Welchen Einfluss schreiben die Befragten der eigenen Leistung und der sozialen Herkunft zu? Insgesamt hält mehr als ein Drittel individuelle Leistung für etwas wichtiger oder allein entscheidend. Die Autorinnen schließen daraus, dass Privilegien und Benachteiligungen häufig unbewusst bleiben. Zugleich fällt die Einschätzung differenzierter aus, wenn die Befragten ihre eigene soziale Lage bewerten: Wer die eigene Herkunft niedrig einordnet, misst diesem Faktor häufiger eine größere Bedeutung für den Berufseinstieg bei.

Journalistisches Rollenverständnis nach sozialer Herkunft

Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten unterschiedlicher sozialer Herkunft messen Aufgaben wie dem Beleuchten gesellschaftlicher Missstände, dem Entgegenwirken von Desinformation sowie der Vermittlung und Einordnung von Informationen gleichermaßen große Bedeutung bei. Gleichzeitig zeigen sich Unterschiede bei einzelnen Aufgaben. Besonders deutlich ist dies bei „die Mächtigen kontrollieren“: Die Zustimmung steigt mit dem Bildungsniveau der Eltern von rund 41 Prozent in der niedrigsten Herkunftsgruppe auf rund 74 Prozent in der höchsten Herkunftsgruppe.

Der Aufgabe, „Randgruppen und Minderheiten eine Stimme [zu] geben“, messen hingegen Befragte aus nicht akademischen Elternhäusern mit 75 beziehungsweise 77 Prozent eine etwas höhere Priorität bei als jene aus akademischen Familien. Auch Aufgaben, die gesellschaftliche Teilhabe fördern oder mögliche Lösungen für Probleme aufzeigen sollen, bewerten sie tendenziell häufiger als wichtig.

Fazit: Einstieg öffnen, Chancen wahrnehmen

Die Studie macht deutlich, dass der Zugang zur journalistischen Ausbildung sozial selektiv ist. Weniger Praktika oder freie Aufträge im Lebenslauf müssen nicht auf geringeres Interesse oder weniger Einsatzbereitschaft des Einzelnen hindeuten, sondern können auch auf finanzielle Möglichkeiten zurückzuführen sein.

Die Autorinnen empfehlen Medienunternehmen, Forschung und Journalismusschulen unter anderem, das Thema soziale Herkunft in der Aus- und Weiterbildung zu etablieren, dieses bei Auswahl und Förderung stärker zu berücksichtigen, Zugangsvoraussetzungen zu überprüfen sowie Praktika und freie Mitarbeit fair zu bezahlen.

Und: Wer selbst in Ausbildung ist und wenig finanziellen Rückhalt hat, kann bei Bewerbungen gezielt nach vergüteten Praxismöglichkeiten und Förderprogrammen suchen und auch andere journalistische Erfahrungen sichtbar machen – etwa Arbeiten für Hochschulmedien oder eigene Veröffentlichungen.

Tipp: Dieser Newsletter für junge Journalistinnen und Journalisten listet ausschließlich bezahlte Jobs für den Berufseinstieg, Volontariate und Praktika.

 

 

 


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